Das Notiz-App-Dilemma

22.02.2018   ·   Software , Produktivität , iOS

Schon einige Zeit nutze ich im Büro nur mein iPad und verzichte weitestgehend auf Notizzettel. Das klappt recht gut, aber die perfekte App habe ich noch immer nicht gefunden. Länger genutzt habe ich mittlerweile OneNote, GoodNotes und Nebo. Hier kommt mein Zwischenfazit.

Anforderungen und Arbeitsweise

Notizen erfasse ich beruflich zu Projekten, als Wochennotiz oder zu Organisationsthemen: Zu Projekten bzw. Themen möchte ich Ideen und Fortschritte festhalten und Entscheidungen, Aufgaben und Termine vermerken. Zusätzlich erstelle ich für jede Kalenderwoche ein "Blatt", auf dem ich das festhalte, was nicht zu einem Projekt gehört, aber dennoch wichtig ist. Das sind Gesprächsnotizen, Infos die ich in die nächste Rücksprache mit dem Chef nehmen möchte und ähnliches. Am Beispiel OneNote, das die Ordnungsbegriffe "Notizbuch", "Abschnitt" und "Seite" kennt, sieht die Struktur dann so aus:

Meine Notizen möchte ich durchsuchen und mit Tags wie "Termin", "Aufgabe", "Besprechen" markieren können. Toll wäre zudem, wenn PDF- oder Bilddateien importiert und auf ihnen herumgemalt werden könnte. Auch würde ich gerne auf andere Seiten oder Einträge verlinken können, aber das bietet leider keine Lösung, die ich mir angesehen habe.

OneNote

Wie man sieht, erfüllt Microsofts OneNote diese strukturelle Anforderungen ideal. Sehr gut gefällt mir zudem, dass ich die App nicht nur am iPad, sondern auch am Mac, dem Handy und sogar im Web nutzen kann und über das OneDrive alles synchron ist. Es lassen sich Dateien einfügen und somit beispielsweise Präsentationen mit Anmerkungen versehen. Die Integration in die anderen Office-Produkte ist natürlich super gelöst.
Doof ist, dass man zwar mit dem Pencil zeichnen und schreiben kann, es aber keine Handschrifterkennung gibt. Der Text kann also nicht in Maschinenschrift umgewandelt und beispielsweise durchsucht werden. Da ich gerne suche, tippe ich in OneNote immer nur, brauche dazu einen Tisch und bin irgendwie nicht so flexibel und gemütlich unterwegs, wie es bei einem Schreibblock in Besprechungen der Fall ist. Ich wollte den Pencil nutzen und habe mich also nach Alternativen umgesehen.

GoodNotes

Somit bin ich bei GoodNotes in der Version 4 gelandet. Leider finde ich die App so gar nicht schick. Das Userinterface ist irgendwie altbacken - woran das genau liegt kann ich gar nicht sagen. Für meine Projekt- und Wochennotizen habe ich jeweils ein Notizbuch angelegt und jeder Eintrag darin ist eine Seite. Das ist auch nicht ganz so dolle wie bei OneNote, aber: Hier kann ich mit dem Pencil schreiben und die handschriftlichen Sachen durchsuchen. Optisch kann das Geschriebene dann sogar bleiben wie es ist. Das wäre bei einer schönen Handschrift vielleicht ein Gewinn, spielt bei meiner Klaue aber keine große Rolle. Damit sind wir auch gleich bei einer Einschränkung: Die Erkennung funktioniert bei mir so zu etwa 75% richtig. Das ist gut, aber nicht perfekt und sorgt für Frust.
Was den Im- und Export angeht ist GoodNotes ein Streber und offen für fast alles. Auch importierte Dateien werden in der Suche berücksichtigt.

Nebo

Nebo ist auf den ersten Blick zwar eine Notizapp wie jede andere, verfolgt aber einen frischen Ansatz und kommt deutlich moderner und schlanker daher. Der Funktionsumfang ist eindeutig geringer, aber dennoch ist die App zur Zeit mein Liebling, denn was die Schrifterkennung angeht haben wir hier den Klassenprimus. Seitenhintergründe, -farben und -muster sucht man bei Nebo vergebens. Geschrieben wird ausschließlich auf einem Linienpapier und das liegt quasi in der Endlosrolle vor. Seiten, Formate und Buchcover aus dem echten Leben gibt es nicht. Aus meiner Sicht ist das auch verzichtbare Spielerei. Das was Nebo unter Seiten versteht ist also unendlich lang und wird in Notizbüchern abgelegt. Diese wiederum befinden sich in Ordnern, wodurch es auch bei Nebo drei Ebenen gibt und mein Ordnungsmodell abbildbar ist.

Wenn man mit dem Schreiben loslegt, wird oberhalb der Handschrift in Echtzeit angezeigt, was erkannt wurde. Das passt erstaunlich zuverlässig. Sollte Nebo Dich falsch verstehen, kann auf das Wort getippt und ein Alternativvorschlag gewählt werden. Nachdem ein Satz oder Absatz erfasst wurde, kann dieser durch Doppeltipp in Maschinenschrift umgewandelt werden. Hier gibt es aber kein Zurück: Die Handschrift ist dann auf immer weg. Änderungen am Text sind natürlich weiterhin möglich und das geht mit tollen Gesten: Wörter oder einzelne Zeichen können durchgekritzelt oder durchgestrichen werden und verschwinden dann, Leerzeichen können eingefügt und Umbrüche erstellt werden und durch Unterstreichungen oder Einkreisungen eines Wortes wird dieses hervorgehoben oder zur Überschrift. Aus Punkten und Pfeilen werden Aufzählungen und die Farbe von Text kann nachträglich geändert werden. Alles sehr smart. Es gibt zwar keine Tags, aber mit den Textfarben und dem Textmarker kann ich mir gut helfen. Aufgaben schreibe ich halt in rot und Rücksprachen in blau - so findet man sich schnell zurecht. Leider wird das Pencil-Konzept so konsequent umgesetzt, dass Tippen (außer im Suchfeld) nun gar nicht mehr möglich ist. Das wäre schon manchmal auch in den Notizen schön.
Inhalte sind nicht frei positionierbar, sondern in Boxen untereinander. Damit ist die Kreativität eingeschränkt, die Struktur aber klarer. Diese Boxen sind Text, Formeln, Skizzen, Diagramme oder Bilder.

Bei Skizzen und Diagrammen muss Nebo noch zu den Wettbewerbern aufschließen, aber die Mathefunktion ist der Hit: Komplexe Formeln mit Brüchen, Wurzeln und Gedöns werden hervorragend erkannt und auf Wunsch sogar gleich gelöst.

Natürlich hat auch Nebo nicht alles was ich möchte, sonst hätten wir ja kein Notiz-App-Dilemma. PDF-Dateien lassen sich nicht importieren, die App gibt es ausschließlich fürs iPad und der Sync funktioniert nur nach Erstellung eines Accounts und mit Dropbox. Das Exportieren einzelner Notizbücher klappt zwar auch ohne Account, aber leider nicht für einen ganzen Ordner. Und der Hinweis sich anzumelden kommt leider bei jedem Start der App erneut.

Fazit

Aktuell und bis auf weiteres nutze ich hauptsächlich Nebo. Muss ich mal in Präsentationen oder PDF-Dateien malen, kommt GoodNotes hinzu. Mal schauen, wo es mit Nebo hin geht - ich hoffe ja, dass das MyScrypt-Team hier noch ein paar Funktionen einbaut, der lockere und nicht überfrachtete Charme aber erhalten bleibt. Meine subjektive Einschätzung habe ich in dieser Tabelle zusammengefasst - neue Apps werden sich daran messen müssen. Sortiert sind die Themen nach meiner persönlichen Wichtigkeit.


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Kommentare

Sven 23.02.2018

Nebo hatte ich gar nicht auf dem Schirm, aber das sieht echt sehr gut aus! Nach Deiner Empfehlung werde ich die kleine Investition mal wagen. Danke!

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